Ein Giessener Wirtschafts-Student studierte im Wintersemester 2007/08 für ein Semester an der University of Athens (ERASMUS-Programm). Er stellt interessierten Kommilitonen freundlicherweise diese Erfahrungen über sein Auslandssemester zur Verfügung:
Universität
Die Athens University of Economics and Business (AUEB) wird vom Spiegel unter den Top 25 in Europa geführt. Es handelt sich um die älteste ökonomische Fakultät des Landes mit acht Fachrichtungen. Die Fachrichtungen in Athen entsprechen deutschen Tiefenfächern, die hier jeweils von mehreren Professoren abgedeckt werden. Entsprechend erhält man hier nicht bloß Abschlüsse in BWL und VWL sondern spezifischer in Marketing, Finanzierung und Rechnungslegung, Organisation und Unternehmensführung usw. Die Professoren sind ziemlich gut, die meisten haben schon in England oder den USA gearbeitet oder studiert, so dass sie Englisch sprechen. Das Universitätsgebäude sieht dagegen ziemlich heruntergekommen aus, die Wände sind beschmiert, obwohl fast im Wochenrhythmus Maler unterwegs zu sein scheinen, um neu zu streichen; was nicht vollgeschmiert ist, ist mit politischen Plakaten zugeklebt. Das ist ein augenscheinlicher Hinweis auf einen Unterschied zu deutschen Universitäten, die Studentenschaft ist hier stark politisch interessiert, teilweise indoktriniert und das politische Spektrum nach links ausgedehnt. An der AUEB gibt es drei kommunistische Parteien, die teilweise das System repräsentativer Demokratie ablehnen, stattdessen basisdemokratisch eingestellt sind. An der Uni herrscht ein anarchisches Flair. Die nächste Demonstration scheint nie weit entfernt zu sein. Die politische Kultur ist wohl mit der in Deutschland Ende der 1960er Jahre zu vergleichen. Antikapitalistische und antiamerikanische Parolen dürfen nicht fehlen. Die Art der politischen Auseinandersetzung ist für einen Nordeuropäer wahrscheinlich ein Schock. Ich nahm an einer Vollversammlung der Studenten teil. Diese begann eine Stunde später als offiziell angekündigt (zeitliche Vorgaben werden hier generell nicht allzu ernst genommen), in dem Hörsaal wurde geraucht (übrigens wie fast überall an der Uni, Rauchverbotsschildern zum Trotz), die ersten Handgreiflichkeiten gab es schon bevor die Versammlung begann: auf einmal flogen die Fäuste. Als die Vollversammlung begann wurden die Redner von den Anhängern der jeweils anderen Parteien gestört. Mandarinenschalen flogen durch den Hörsaal. Das mag sich schockierend anhören, ich genoss es jedoch, eine andere – starke – politische Kultur an der AUEB kennen zu lernen. Von alledem kriegt der Standard-Erasmusstudent aber wenig bis gar nichts mit, denn es gibt leider keinen gemeinsamen Unterricht mit griechischen Studenten, auch räumlich findet häufig eine Trennung statt und das Erasmusprogramm wird zum großen Teil nicht im Hauptgebäude abgewickelt. Wer griechisch spricht, dem empfehle ich jedoch, griechische Vorlesungen zu besuchen. Man kriegt dort viel davon mit, wie die Menschen hier ticken. Die drei, die ich besuchte, waren interessant und durchaus lehrreich, im Gegensatz dazu grenzten meine beiden englischen Vorlesungen aus dem Erasmusprogramm an Zeitverschwendung. Nur die wenigsten Studenten waren motiviert und die Professoren lassen einen leicht bestehen, zumindest war das der Eindruck, den ich von den Vorlesungen hatte, die ich auf Englisch hörte. Griechische Vorlesungen zu besuchen kommt aus sprachlichen Gründen ohnehin nur für die wenigsten Erasmusstudenten aus Deutschland in Betracht. Das mehr an Arbeit, um letztendlich die Klausuren zu bestehen, wird meiner Meinung nach durch den Erkenntnisgewinn gerechtfertigt; damit meine ich nicht nur den in fachlicher Hinsicht, aber auch.
Ein Frühstück, Mittag- und Abendessen ist für Studenten in der Mensa umsonst, aber auch wenn man häufiger an der Uni essen will, kostet eine weitere Mahlzeit nur um die 2 Euro. Die Universitätsbibliothek ist recht gut ausgestattet und die Uni verfügt über ein leistungsstarkes Funknetzwerk.
Die Universitätsverwaltung ... muss man selbst kennen lernen. Viele sind äußerst hilfsbereit und kümmern sich gut um die Erasmusstudenten. Man erhält bis zu einem halben Dutzend Studentenausweise. Ich vermute, dass es sich hierbei um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die personell überbesetzte griechische Verwaltung handelt. Jeden der Ausweise erhält man in einem andern Büro, jeder hat separate Funktionen (Mensa, Bibliothek, Sportanlagen...) Einer davon wird dazu genutzt, um sich bei der örtlichen Verkehrsbehörde eine Monatskarte für Busse und Bahnen zu kaufen; die kostet für Studenten nur zwanzig Euro.
Gerade Deutsche sollten am besten gleich zu Vassiliki gehen, falls sie irgendwelche Fragen/Probleme haben. Sie ist in Deutschland groß geworden, spricht entsprechend ausgezeichnet Deutsch und ist auch davon abgesehen eine sehr angenehme Person. Sie wird sich in den ersten Tagen vorstellen und ist im Erasmusbüro zu finden.
Ankunft in Athen
Die ersten Wochen wird man vom ESN-Team umsorgt. Es organisiert Parties, Ausflüge, Stadttouren und sorgt für Möglichkeiten andere Erasmusstudenten kennen zu lernen. Es liegt an euch, die Möglichkeit zu nutzen. Umgebt euch bitte nicht mit Deutschen - obwohl das wohl am einfachsten ist - davon kennt ihr schon genug!
Mehrmals täglich gibt es Flüge nach Griechenland. Bei Olympic Airlines sind die Stewardessen sehr freundlich, geradezu fürsorglich und das Essen relativ gut. Der Flug dauert aber keine drei Stunden, so dass die Relevanz davon zweifelhaft ist. Da zur Zeit Unklarheiten über das Fortbestehen der Airline herrschen, fliege ich mittlerweile mit der Lufthansa. Wenn man zeitlich flexibel ist, gibt’s ab Frankfurt Flüge schon für 100 Euro, hin und zurück. Bei Übergepäck ist die Lufthansa jedoch leider nicht so nachlässig wie Olympic, AEGEAN war besonders streng.
Am Flughafen Eleftherios Venizelos angekommen, sollte man sich keine Illusionen machen und glauben ganz Athen sei so sauber. Der Airport wird von Hochtief betrieben. Per Bahn oder Bus geht’s in die Stadt, dauert eine knappe Stunde. Die zu den Olympischen Spielen 2004 gebauten Metrostationen sind mit das Sauberste an Athen.
Unterkunft und Verpflegung
Ich habe über stayinathens eine Wohnung gemietet, das ist eine Partnerorganisation von ESN, die spezifisch für Erasmusstudenten Wohnungen bereithält. Das ist für Studenten recht bequem aber auch teuer. Ein Einzelzimmer kostet 300 Euro, die kleinste Wohnung beherbergt drei Studenten. Für die Hälfte des Geldes kann man Wohnungen in ähnlich schlechtem Zustand finden. Allerdings wird man Schwierigkeiten haben, nur für ein halbes Jahr eine Wohnung anzumieten.
An der Uni kann man täglich und recht günstig essen, aber die Stadt ist voll von Imbissen (verschiedener Qualität), auch Homeservice (hier spricht man von delivery) wird sehr häufig angeboten. Richtig preiswert ist nur das Nationalgericht Pita (ca. 1,50-1,70 Euro). An sonsten liegen die Preise über denen in Deutschland, auch im Supermarkt zahlt man häufig mehr als für vergleichbare Produkte in Deutschland, gerade Milchprodukte sind auffallend teuer.
Was einen erwartet und wie man damit umgehen kann
Athen, die geschichtsträchtige Hauptstadt Griechenlands, ist Sitz der Regierung und des Parlaments. Im Großraum Athen leben um die 4 Millionen der 11 Millionen Einwohner des Landes. Athen ist das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zentrum des Landes, es folgen Thessaloniki - sehr schön, sollte auf jeden Fall besucht werden - und Patra.
Athen ist voll von Bars und Clubs. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Leute von ESN erteilen gerne Auskünfte. Ich empfehle zumindest einmal Bouzoukia und Rebetadiko. Ersteres ist ein recht teures Vergnügen, Eintritt: 20 Euro mit einem Getränk, 50 Euro mit einem Tisch und - nebst alkoholfreien Getränken - einer Flasche Hochprozentigem; dafür gibt’s Live-Musik und man sieht eine sehr griechische Art zu feiern. Rebetadiko ist ein Restaurant mit Live-Musik. Der Eintritt ist meistens frei, dafür können die Essenpreise schon mal etwas höher sein. Athen ist übrigens polyzentrisch. Es gibt nicht nur eine Gegend, in der man ausgehen kann, sondern mindestens ein halbes Dutzend.
Die Gegenden in Athen unterscheiden sich auch teilweise sehr stark von einander. Ich wohnte im Zentrum, das nicht sehr ansehnlich ist. Allerdings gibt es auch viele Gegenden, die ausgesprochen schön (und sauber) sind. Man muss aber ein wenig danach suchen.
Auf sein Hab und Gut sollte man in Athen besonders viel Acht geben. Taschendiebe schlagen bevorzugt in Bussen und Bahnen zu, auch an der Uni und auf Parties haben Notebooks, Handys und haufenweise Digitalkameras neue Besitzer erhalten. Wer ein bisschen Vorsicht walten lässt, sollte aber gut damit zurechtkommen.
Im Umgang mit der griechischen Bürokratie ist Geduld angesagt. Es dauert fast immer länger als es dauern sollte und der Beamte stellt häufig neue Forderungen, etwa nach weiteren Formularen und schickt einen erstmal weg. Eine träge Verwaltung hat in Griechenland Tradition, gelingt es einem, eine Beziehung zu den Beamten aufzubauen – was sicher misslingt, wenn man sich als pingeliger, gesetzestreuer Deutscher gibt – merkt man, dass dieses träge anmutende System auch erstaunlich schnell Ergebnisse liefern kann und über das Fehlen der kurz zuvor noch unerlässlichen Dokumente hinweggeschaut wird. Kodifizierte Regeln werden in Griechenland nur selektiv angewandt, sowohl vom Verwaltungsapparat als auch von der breiten Bevölkerung. Man könnte das als zivilen Ungehorsam interpretieren oder als Faulheit, Folge von Eigeninteresse oder Willkür; interessant ist es allemal. Manchmal kriegt man den Eindruck, jeder mache, was er will. Eigensinniges Verhalten ist weit verbreitet und verleiht Griechen einen gewissen Charme, führt aber auch zu einem Fahrverhalten, vor dem man sich in Acht nehmen muss. An einem Zebrastreifen sollte man nicht erwarten, dass die Autos anhalten, auch wenn man als Fußgänger über eine grüne Ampel läuft sollte man sich nichts darauf einbilden. (In abbiegender Fahrtrichtung haben häufig auch Autos Grün und wenn’s noch nicht lange rot ist fährt ein Grieche noch sehr viel eher über die Kreuzung als ein Deutscher.) Dafür stellen rote Fußgängerampeln auch kein Verbot der Straßenüberquerung dar, wenn man niemanden in Gefahr bringt.
Wenn man sich in der Innenstadt bewegt, kann man vieles zu Fuß erreichen oder die öffentlichen Verkehrmittel benutzen. Ab Mitternacht, bei manchen Bussen schon ab 22:30 Uhr, wird man wohl vermehrt auf Taxis zurückgreifen müssen, die jedoch preiswert sind. (Leider kann das auch dazu führen, dass ein Taxifahrer mehr verlangt, als ihm zusteht. Wenn ihr meint betrogen zu werden, lasst euch den Preis erklären, für manches gibt es Zuschläge, die dann auf einem Infoblatt aufgeführt sein müssten. Wenn ihr sicher seid, betrogen zu werden, dann droht mit der Polizei. Ich hatte jedoch kaum Probleme, es ging nie um mehr als einen Euro zu viel.) Gelegentlich landet man bei einem verhinderten Rallyefahrer, aber die Taxifahrer sind grundsätzlich gute Kenner der Stadt und meistens sehr gesprächig. Sie informieren über kulturelle Highlights, Politik, Sport, die griechische Mentalität und vereinzelt auch über Aspekte der Überlegenheit griechischer Kultur (welche ausländischen Namen von griechischen abstammen), warum es nur ein Makedonien, das griechische, gibt. Es ist eine verpasste Gelegenheit nicht mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie haben meistens etwas zu erzählen, selbst wenn es wirre – aber keineswegs uninteressante – Theorien sind. Die Erasmusstudentinnen sollten dabei, je nachdem, was ihre Ziele sind, bedenken, dass viele Griechen ziemliche Machos, ihre Jagdinstinkte leicht zu wecken sind und die Damenwelt gerne mit Komplimenten überschütten ... wenn diese anwesend sind. Die bildhübschen griechischen Frauen, größtenteils sehr gepflegt, exzellent gekleidet und deutlich seltener als in Deutschland übergewichtig, legen häufig ein komplementäres Verhalten an den Tag und wollen heftig und ausdauernd umworben werden.
All diese Pauschalierungen, Verallgemeinerungen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Es sind eher auf kleinen Stichproben fußende Tendenzaussagen mit dem Referenzpunkt Deutschland. Man kann so ziemlich alle Charaktere hier finden. Während an der Uni zunächst jeder politisch engagiert zu sein scheint und gegen die neueste Regierungsmaßnahme entweder heftig protestiert oder sie leidenschaftlich verteidigt (Hochschulpolitik steht meistens hinter nationaler und Weltpolitik zurück), sieht man doch einen Teil der Studenten unbeteiligt einen Bogen um die politischen Parteien machen. Die vermeintlich so gelassenen Griechen sind häufig sehr gestresst, jedenfalls in Athen. Die laute Stadt mit nur sehr wenigen Grünanlagen ist nicht gerade zur Entspannung geeignet, für diejenigen, die etwas erleben wollen, dafür umso mehr, während es zur Entspannung mehrere Naherholungsgebiete gibt.
Zur Vorbereitung empfehle ich Richard Clogg’s Geschichte Griechenlands im 19. und 20. Jahrhundert und natürlich die Bereitschaft, eigene Werte, Prämissen, Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich darauf gefasst zu machen, dass in Griechenland vieles deutschen Erwartungshaltungen nicht entsprechen wird. Athen bietet ein reichhaltiges Angebot. Ob man sich fachlich, kulturell oder persönlich weiterentwickeln will oder fünf Monate lang von einer Party zur nächsten eilen will, alles ist möglich.
Professur für VWL - Transformations- und Integrationsökonomik
Prof. Dr. Matthias Göcke