Der Gießener BWL-Student Julian Brombach studiert im Wintersemester 2007/08 an der Universität Granada. Er stellt interessierten Kommilitonen freundlicherweise diese Erfahrungen über sein Auslandssemester zur Verfügung:
a) Kosten der Lebenshaltung, des Wohnens und ähnliches
Die Preise für Lebensmittel sind recht ähnlich wie in Deutschland. Geld sparen kann man z.b. wenn man in Fruterias sein Obst kauft (die Qualität ist ebenfalls deutlich besser als im Supermarkt) oder für die restlichen Lebensmittel Discounter wie Lidl, Plus (jetzt Dia) bevorzugt. Die Mietpreise liegen irgendwo zwischen 150 und 250 Euro für ein möbliertes WG-Zimmer inklusive aller Nebenkosten Allerdings schwanken die Preise und die Ausstattung sehr stark. Generell kann man denke ich sagen, dass die Zimmer generell recht klein sind (<20qm). Allerdings hat eigentlich jede WG ein Wohnzimmer/Aufenthaltsraum.
b) Qualität und Lage der Unterbringung
Im September/Oktober hängen alle Telefonzellen, Straßenschilder, etc mit WG-Anzeigen voll, einfach das passende raussuchen und vorbeigehen.
Als Faustregel gilt, das es wie überall billiger ist etwas außerhalb zu wohnen. Außerhalb heisst hier aber auch schon eine Viertelstunde Fussweg zum Zentrum, also recht nah. Kommt man alleine nach Granada, ist es aber kein Problem ein akzeptables Zimmer in der Innenstadt zu bekommen. Ich war mit meiner Freundin hier und sucht man eine Wohnung für zwei, am besten auch noch in einer WG, muss man meistens Abstriche machen. Grundsätzlich wird die Einzelmiete einfach verdoppelt wollen zwei Leute ein Zimmer zusammen mieten (kann man nicht viel dran ändern). Wir haben dann eine Wohnung nicht direkt im Zentrum gefunden, die aber sehr gut ausgestattet und sehr neu eingerichtet war. Allgemein ist das Wohnniveau bei den Studentenzimmern schlechter als in Deutschland, gerade in WGs. Die Wohnungen sind teilweise recht altmodisch eingerichtet. Man denkt teilweise man steht in Omas Wohnzimmer. Das liegt daran, dass alle Zimmer möbliert sind und die alte Einrichtung nicht ausgetauscht wird. Teilweise sind die Wohnung etwas heruntergekommen, mit viel Glück wohnt man aber auch in Mudéjar-Häusern mit Patio! Wichtig ist im Winter eine Heizung. Zentralheizung ist auch nicht zwingend das beste, weil die Heizung wirklich „zentral“ geregelt wird, d.h. es gibt keine Möglichkeit die Temperatur zu regeln (außer mit Fenster auf – Fenster zu). Mindestens ein beweglicher Gasheizkörper sollte aber vorhanden sein, sonst wird es etwas arg kalt im Winter.
c) Betreuung durch die Hochschule / den Erasmus-Koordinator und/oder andere Institutionen
Die allgemeine Betreuung für alle Erasmus-Studenten ist vorbildlich. Ausweisbeantragung, Sprachkurse und Freizeitangebot (die Studi-Organisation A.S.E.E. organisiert viele Städtetrips, Parties, Sprachaustausche, etc.) sind wirklich super. Die individuelle und konkrete Betreuung ist aber sehr schlecht und umbedingt ausbaufähig. Dies liegt hauptsächlich an der eher schlechten Informationspolitik in Giessen und der ungünstigen Auswahl/Besetzung des Koordinators vor Ort. Mit einem besseren Infopaket von der Giessener Uni ausgestattet wäre es wesentlich einfacher und auch wesentlich weniger schweisstreibend gewesen. Z.B. haben wir erst vor Ort erfahren, dass wir an einer anderen Fakultät eingeschrieben sind (Ciencias del Trabajo) und unser Koordinator selbst (dessen Namen wir nur zufällig erfahren haben) war fast schon ein Phantom. Wir haben ihn wirklich so gut wie nie antreffen können und selbst sein Sekretär konnte uns nicht sagen, wann man ihn treffen kann. Auch per email war er sehr schlecht zu erreichen. Letztendlich benötigt man aber hauptsächlich die Hilfe des allgemeinen Sekretariats des FBs ("Don Gerrardo" war eine große Hilfe). Aber auch hier dauert alles sehr lange. Mit der nötigen Portion Geduld und Freundlichkeit kommt man aber letztendlich ans Ziel. Also nicht nach dem ersten Versuch aufregen, kann sein dass man auch noch ein siebtes Mal kommen muss.
d) Freizeitangebot / Flair der Stadt
Granada selbst ist im Kern eine sehr schöne Stadt, verirrt man sich in die Außenbezirk wird es weniger schön. Das Aushängeschild der Stadt - die Alhambra - beherrscht die Stadt und lockt jährlich hunderttausende Touristen an. Der Burgkomplex ist eine der Topsehenswürdigkeiten in Spanien. Mit richtigen Touristenmassen hat man aber nur bis ca. Ende Oktober zu kämpfen, danach geht alles etwas ruhiger von statten und nur spanische Touris kommen noch in die Stadt.
Die Stadt liegt geografisch einmalig zwischen Bergen und Meer, so dass in jeweils maximal einer Stunde Skipisten auf Alpenniveau (in der Sierra Nevada; Gebiet geht bis auf über 3000m) und das Mittelmeer erreichbar sind. Skifahren ist hier aber recht teuer. Aber fürs erste ist der tägliche Ausblick auf die Berge mehr als eine Entschädigung. Alle anderen Reiseziele erreicht man mit dem Autobussen, die in Spanien einen Großteil des Reiseverkehrs übernehmen. Die Preise sind recht günstig, nach Madrid (500 km, ca. 5 h von Granada entfernt/ 15 €) kommt man von jeder Stadt aus sehr günstig und die wichtigen andalusischen Städte (Sevilla, Málaga, Córdoba, etc.) erreicht man auch innerhalb von max. 3 h. Das Klima ist sehr trocken, aber trotz der südlichen Lage nicht ausschließlich warm (eher kontinental). Im September/Oktober können es noch 30 Grad werden und im Meer schwimmen kann man dann auch noch. Ab Ende November wirds dann aber schon kühler (nachts auch um die 0 Grad). Aber dadurch das wirklich jeden Tag die Sonne scheint und es fast nie regnet ist es fast immer angenehm draussen zu sein.
Wie schon erwähnt locken Meer und Berge, aber auch gerade die Stadt selbst bietet sehr viel. Außer der Alhambra kann man noch weitere historische Bauten besichtigen (Kathedrale, div. Monasterios, etc.) und vor allem die Viertel Albayzin (Unesco Weltkulturerbe), Sacromonte (Gitanoviertel mit zahlreichen Höhlen, die größtenteils auch noch bewohnt sind) und Realejo (ehem. jüdisches Viertel) geben sehr viel her. Gerade ersteres als ehemaliges maurisches Viertel neben der Alhambra eines der wichtigsten Überbleibsel aus der Zeit der Maurenherrschaft hat mit seinen vielen Teestuben und Läden immer noch nordafrikanisches Flair. Teilweise glaubt man wirklich man wäre in Marokko, wechselt man die Straßenseite steht man in einer "klassisch"-mitteleuropäischen Altstadt. Die Dönerbudendichte ist für Spanien glaube ich einmalig. Das Aufeinandertreffen von kulturellen und religiösen Unterschieden macht einen Großteil des Flairs der Stadt aus.
Einer der herausragendsten und einmaligsten Sachen, die man an Granada zu schätzen lernt, sind die Gratis-Tapas (d.h. zu jedem bestellten Getränk gibts kostenlos etwas zu essen; von Mini-Döner, Pizza, belegten Brötchen, Sushi, etc. ist wirklich alles geboten). Kostenlos gibts die wirklich nur noch hier und die Getränkepreise sind auch nicht höher als in Deutschland.
Außerdem ist Granada einer der beliebtesten Studentenstädte in Spanien und zugleich die Stadt mit den meisten Erasmus-Studenten überhaupt. Superviele Kneipen und Diskos sind die Folge davon. Über mangelndes internationales bzw. studentisches Flair braucht sich also niemand zu beklagen.
e) Qualität der belegten Kurse bzw. Qualität und Art der Lehre
Die grundlegende Ausrichtung ist etwas anders als an deutschen Unis. Uni in Spanien hat etwas mehr Schulcharakter. Der Unterricht findet maximal in 50er Gruppen statt und es gibt nahezu in jedem Kurs praktische Unterrichtsblöcke. Das Niveau allgemein, soweit ich es mitbekommen habe, ist aber etwas niedriger. Es geht sehr viel um Auswendiglernen. Viel Gewicht liegt auch auf Hausaufgaben, die man entweder abgeben muss oder die dann in der Stunde besprochen werden. Diese werden teilweise auch benotet oder zum Bestehen des Kurses vorausgesetzt. Aufgrund der puren Masse stellt sich relativ schnell die Sinnfrage (kein Prof. kann in so kurzer Zeit so viele Texte bewerten). Bewundernswert waren die Steno-Fertigkeiten meiner spanischen Kommilitonen. Sowohl die Geschwindigkeit, als auch die Fähigkeiten, wirklich alles was sie aufschreiben in ganze Sätze zu gießen (sogar Tabellen!!!) fand ich wirklich außergewöhnlich. Schwierig fand ich es auch teilweise die Kurse mit deutschen Unterrichtsfächer zu vergleichen (außer Mikro, Makro, usw.). Die Inhalte waren meiner Meinung nach auf recht komische Art miteinander vermischt und nicht direkt transferierbar (woraus sich dann event. Schwierigkeiten beim Anrechnen ergeben).
f) Lehrangebot für Sprachkurse der Sprache des Gastlandes (Crash- Kurse, Intensivkurse, etc.: Umfang und Qualität)
In Granada bekommt jeder Erasmusstudent, sofern er nicht im vorangegangenen Test als zu schlecht oder zu gut eingestuft wurde, einen kostenlosen Intensiv-Sprachkurs. Der dauert ca. 2 Monate und beinhaltet 6 Zeitstunden die Woche. Desweiteren bekommt man dafür auch 6 Creditpoints. Ich hatte in Giessen einen Z.I.L.-Kurs und einen Kurs für Hörer aller Fachbereiche gemacht, ansonsten hatte ich kein Spanisch und bin recht hoch eingestuft worden. Also normalerweise sollte man damit rechnen können, reinzukommen.
Ich habe vor dem Unistart noch eine Woche einen Sprachkurs bei einer Privatschule gemacht. Die Kurse kosten für eine Woche ca. 130 €, jede weitere Woche kostet etwa 100 € mehr (für 4 Zeitstunden pro Tag). Aufgrund der großen Anzahl sollte man entweder einen Preisvergleich durchführen oder direkt zum unieigenen Centro de Lenguas Modernas gehen. Die Kurse hier fand ich am besten, den Kurs bei der Privatschule würde ich nur bedingt empfehlen. Deshalb lieber hierhin gehen. Hier finden auch die kostenlosen Erasmuskurse statt und hier kann man auch recht günstig Anschlusskurse an diese buchen.
g) Umfang der notwendigen Kenntnisse der Sprache des Gastlandes zum "Überleben" der ersten Wochen
Mit Englisch kommt man leider überhaupt nicht weiter. Die Spanier haben zwar teilweise länger als wir Englisch in der Schule, sprechen können sie aber nahezu überhaupt nicht. Jemand der Englisch spricht ist umgefähr so häufig wie ein 6er im Lotto. Wer sich seines Könnens nicht sicher ist, sollte am besten direkt in Granada noch vor Unistart einen Sprachkurs machen. Ohne Spanischkenntnisse geht meiner Meinung nach gar nichts, gerade eine Wohnung zu finden ist wahrscheinlich dann sehr schwer. Kurse an der Uni auf Englisch sind recht spärlich gesäht. Ein weiteres Problem ist der recht undeutliche andalusische Dialekt (nahezu keine Aussprache von "s"), den man am Anfang wirklich schlecht versteht (aber man gewöhnt sich mit der Zeit dran).
h) allgemeines Urteil über den bisherigen Aufenthalt an der Partnerhochschule als Erasmus-Student
Ich würde Granada umbedingt weiterempfehlen. Der Flair ist wirklich einmalig, auch wenn man außerhalb der historischen Stätten manchmal deutliche Abstriche machen muss. Positiv sind außerdem die vielen internationalen Studenten, die freundlichen Leute, Tapas und die für den Süden recht vielfältige Natur. Negativ ist für mich persönlich die recht laute und teilweise auch schmutzige Stadt (beides wohl typisch spanisch) und die umständliche Immatrikulierung. Dafür entschädigen die umliegenden Berge und das nahe Meer. Zusätzlich bietet Andalusien als klassisches Urlaubsgebiet sehr viele mögliche Ziele, auch außerhalb von Pauschaltourismus.
Professur für VWL - Transformations- und Integrationsökonomik
Prof. Dr. Matthias Göcke