Die Gießener BWL-Studentin Sylvia Steinhoff studiert im Wintersemester 2007/08 an der Universität Granada. Sie stellt interessierten Kommilitonen freundlicherweise diese Erfahrungen über ihr Auslandssemester zur Verfügung:
a) Kosten der Lebenshaltung, des Wohnens und ähnliches
Die Kosten der Lebenshaltung unterscheiden sich nicht großartig von denen in Deutschland. Nur Dienstleistungen (Frisör, Gastronomie, etc) sind günstiger. Dafür ist z.B. telefonieren teuerer, weil man ja keinen Vertrag hat. Die Preise für Lebensmittel sind ähnlich wie in Deutschland, wenn man günstig einkaufen möchte sollte man Obst/Gemüse in „fruterias“ kaufen und sonst in Discountern wie Dia, Lidl etc. In der Nähe der Estación de autobuses gibt es auch einen Aldi, wo es günstig ist und man „deutsche“ Produkte bekommt. Teuer finde ich hier allgemein Körperpflegeartikel.
Die Mietpreise liegen zwischen 150 und 300 Euro, je nach Ansprüchen und Wohnungslage für ein möbliertes WG-Zimmer inklusive den Nebenkosten, die hier aber nicht so hoch sind. Die Zimmer sind aber dafür meistens ziemlich klein.
b) Qualität und Lage der Unterbringung
Wenn man früh nach Granada kommt (um Anfang September rum) ist es relativ einfach, schnell eine Wohnung zu finden. Man muss einfach durch die Straßen gehen und sich die Aushänge an Telefonzellen, Laternen usw. anschauen, anrufen, vorbeigehen und dann direkt einziehen. Wenn man viel früher oder später kommt, wird es schwieriger, weil vorher viele Spanier gar nicht in Granada sind und nachher vieles belegt ist. I.d.R. sollte man in der Region suchen, in die man auch ziehen möchte. Einige WGs suchen allerdings auch ausschließlich weibliche Mitbewohnerinnen.
Die Wohnqualität ist auf schlechter als in deutschen WGs. An nicht richtig schließende Fenster und Türen muss man sich gewöhnen, genauso wie an die altmodische Einrichtung (Möblierung + aufgehängte Bilder vom Vermieter). Dazu kommt eine deutlich schlechtere Ausstattung was z.B. Küchengeräte angeht, z.B. hat nicht jeder einen funktionierenden Herd. In vielen Wohnungen braucht man auch Gasflaschen für warmes Wasser und zum Kochen. Allerdings kann man sich daran gut gewöhnen/ den Umgang mit den Gasflaschen lernen und notfalls eben mal improvisieren.
Auch wenn man bei 30 Grad im September ankommt, sollte man beachten, dass es im Winter ziemlich kalt werden kann (nachts schon so um die Null Grad). Viele Wohnungen haben keine Heizungen, einige haben Zentralheizungen, die man aber nicht selber einstellen kann, das heißt, die springt z.B. um 21h an, heizt alles sehr stark auf und dann geht sie wieder um 24h aus. Wenn man keine Heizung hat, ist aber ein Zimmer mit Fenster zur Sonnenseite und ein kleiner Heizlüfter auch schon sehr hilfreich.
Zur Wohnlage sollte man beachten, dass einige Viertel als gefährlich gelten und man sich gerade als Frau überlegen sollte, ob man dort abends allein lang laufen möchte. Als nicht empfehlenswert gelten das Viertel zwischen der Estación de autobuses und der Sportfakultät (INEF) und Albaycin (obwohl es sehr schön ist).
Wer BWL studiert, studiert am Campus Cartuja, der relativ außerhalb liegt. Wenn man also ins Zentrum zieht, muss man dorthin ca. 40 min Fußweg oder 20 min Busfahrt einkalkulieren.
c) Betreuung durch die Hochschule / den Erasmus-Koordinator und/oder andere Institutionen
Insgesamt war ich mit meiner Betreuung hier sehr zufrieden. Alle waren immer sehr freundlich und es gibt sogar einen Verein, der viel für die ausländischen Studierenden organisiert (A.S.E.E.), z.B. Partys, Städtetrips, Sprach-Intercambio, über Events in der Stadt informiert und notfalls auch bei anderen Dingen unterstützt.
Außerdem gibt es einen guten kostenlosen Sprachkurs.
Problematisch war nur die Information seitens der Uni Granada im Vorfeld (eine einzige E-Mail). Ich wusste nicht, dass ich nicht an der Wirtschafts-Fakultät eingeschrieben bin, sondern bei Arbeitswissenschaften (ciencias del trabajo, Calle rector Lopez Antigüa), wovon ich außer dem Namen des Koordinators keine weiteren Informationen hatte. Einmal dort angelangt lief aber alles wieder gut, vor allem der allgemeine Sekretär dort war sehr nett und hilfreich und kann so ziemlich alles für einen regeln, z.B. im nach hinein noch Kurs-Gruppen tauschen etc. Durch die Einschreibung in der anderen Fakultät haben wir auch den Vorteil, sehr lange Zeit zu haben, bis wir uns endgültig auf unsere Kurse festlegen müssen.
Freunde von mir von der Uni Frankfurt haben im Vorfeld von der Uni Granada eine sehr umfangreiche Informations-E-Mail erhalten, die z.B. Informationen zum Vorgehen beim Immatrikulieren sowie zu einer Info-Veranstaltung enthalten hat. Sowas wäre auch für die Gießener sehr wünschenswert (notfalls von den Frankfurtern weiterleiten lassen…). Darüber hinaus hatten einige anderen Erasmus-Studenten noch Mentoren, was ich auch für eine sehr gute Sache halte.
Generell sollte man für die ganze Immatrikulation etc. Zeit einkalkulieren und Geduld mitbringen.
d) Freizeitangebot / Flair der Stadt
Granada ist nicht umsonst ein viel besuchtes touristisches Ziel: die Stadt hat sehr viel zu bieten. Die Hauptsehenswürdigkeit ist die Alhambra, die „rote Burg“, die von den Mauren erbaut wurde. Ein beeindruckender Burgkomplex mit sehr großen schönen Gärten, der weit über die Grenzen Granadas bekannt ist und sehr sehenswert. In der Hauptsaison kann es aber problematisch werden, Karten zu bekommen. Also am besten entweder einige Zeit vorher im Internet reservieren oder zumindest eine Kreditkarte mit PIN mitnehmen (am Kreditkartenschalter ist die Schlange meist viel kürzer). Nach Ende Oktober nimmt der Touristen Andrang ab, aber die Gärten sind im Sommer eben schöner.
Auch sehr sehenswert ist das alte arabische Wohnviertel Albaicín, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Wenn man durch die Gassen nach oben läuft gelangt man zum Mirador „San Nicolas“, mit einem tollen Blick auf die Alhambra, die nachts angestrahlt wird.
Im Zentrum von Granada sticht vor allem die Catadral hervor, die ebenfalls einen Besuch wert ist. Etwas entfernt vom Zentrum sind das Monasterio Cartuja (am Campus Cartuja) und das Gitanoviertel Sacromonte, aber der Weg lohnt sich. In Sacromonte gibt es viele Höhlen, die teils noch bewohnt sind oder auch kleine Kneipen, in denen man sich oft Flamenco anschauen kann. Wenn man sich etwas auskennt, findet man auch die Einheimischen, die nicht nur auf touristisches Publikum abzielen. Daneben gibt es noch viele weitere Kirchen, Monasterios, schöne Plätze, einen Wissenschaftspark etc.
Gut und relativ günstig einkaufen gehen kann man auch in Granada. Vor allem kurz nach Neujahr wird es voll in den Läden, weil es dann starke Rabatte gibt.
Aber nicht nur Granada selbst, sondern auch das Umland hat viel zu bieten. Granada hat eine einmalige Lage zwischen den Bergen der Sierra Nevada und dem Mittelmeer. Die Sierra ist das höchste Gebirge auf dem spanischen Festland und auf den höchsten Bergen liegt in der Regel Schnee von November bis Mai. Somit bieten sich hier Möglichkeiten zum Wintersport wie auch zum Wandern in der schönen Natur der Sierra. Zum nächsten Mittelmeerstrand (Salobreña) fährt man ca. 40 Min. mit dem Bus.
Auch andere andalusische Städte wie Córdoba und Málaga sind relativ gut und günstig zu erreichen. Nach Gibraltar, Sevilla und Cádiz ist es etwas weiter, aber nicht sehr teuer und ein Besuch lohnt sich. Das gilt auch für Madrid: Die 5h Fahrt dorthin kosten nur ca. 15 Euro pro Strecke und es lohnt sich sehr.
Eine Besonderheit in Granada sind die Tapas, die man in den unzähligen Tapas-Bars gratis zum Getränk dazu bekommt. In einigen Tapas-Bars bekommt man soviel, dass man mit 2 Tapas-Portionen locker ein Abendessen ersetzten kann (z.B. Ofenkartoffel, etc.). Oft stellt damit die Tapas-Bar den Start ins Nachtleben dar. Danach locken die zahlreichen Bars, Chupiterias und kleinere Clubs vor allem in und um die Calle Elvira, der Pedro Antonio de Alarcón oder an der Stierkampfarena. Oft gibt es auch Angebote wie kostenlose Salsakurs-Stunden. In die Discos geht man erst ziemlich spät, da das spanische Nachleben erst viel später beginnt als in Deutschland. Zu den größeren und bekannteren zählen hier das Granada10, was früher mal eine Oper war und auch heute noch so eingerichtet ist, das Mae West und das Camborio in Sacromonte mit Blick auf die Alhambra. Insgesamt herrscht ein internationales und studentisches Flair und es gibt auch fast jeden Tag irgendeine Erasmus-Party.
Das Klima in Granada ist sehr trocken und es ist fast immer sonnig, aber im Winter wird es durch die hohe Lage der Stadt (700-800m) viel kälter als man es in Südspanien vielleicht vermuten würde. Tags in der Sonne klettern die Temperaturen schnell hoch, aber nachts kann es richtig kalt werden (so um Null Grad). Im Sommer und Spätsommer hingegen ist es richtig warm.
Das Flair von Granada ist durch den Einfluss der verschiedenen Kulturen (spanisch, arabisch, jüdisch, gitanos) die die Stadt alle prägen einmalig. So findet man z.B. in Albaicín unzählige arabische Läden mit ihren typischen Produkten und teterias während nur ein paar Meter weiter die spanisch geprägte Altstadt mit ihren Kirchen und kleinen Gassen beginnt.
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e) Qualität der belegten Kurse bzw. Qualität und Art der Lehre
Als erstes aufgefallen ist die wesentlich geringere Gruppengröße der Kurse (ca. 30-50 Studenten). Zu vielen Fächern gibt es verschiedene Gruppen, so dass man auswählen kann, ob man morgens oder nachmittags/abends die Vorlesung besuchen will. Insgesamt erinnert es einen eher an die Schule, da es öfter mal zu mündlichen Diskussionen kommen kann und man teilweise Hausaufgaben o.Ä. machen muss, die eingesammelt werden oder präsentiert werden müssen. Es ist also oft wesentlich interaktiver und es gibt oft extra praktische Unterrichtsteile. In manchen Fächern muss man dem Dozenten auch eine „ficha“ abgeben, eine Karteikarte mit Name, Passfoto etc. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es viel ums auswendig lernen geht und dazu schreiben viele im Rekordtempo so ziemlich alles in der Vorlesung mit.
Das Niveau kam mir alles in allem etwas niedriger vor als in Gießen, was aber teilweise durch eine doppelt so hohe Anzahl an Semesterwochenstunden kompensiert werden konnte.
Die Organisation ist manchmal etwas chaotisch, z.B. kam in einem Fach die ersten 3 Wochen lang gar kein Prof. und es war nicht herauszubekommen, wer das Fach halten sollte und wann diese Person auftauchen würde.
Positiv finde ich das wesentlich lockere Verhältnis zwischen den Lehrenden und den Studierenden. Die meisten Lehrenden waren auch sehr bemüht und teilweise wurde auch extra auf die ausländischen Studierenden eingegangen.
Generell würde ich empfehle, sich zu Uni-Start ein paar mehr Kurse anzuschauen und danach erst zu wählen. Gerade wenn man noch nicht viel Spanisch spricht, kann es sinnvoll sein, Kurse zu wählen, wo der Dozent verständlich spricht (manche haben einen sehr starken andalusischen Akzent und reden auch noch sehr schnell), bzw. wo es Unterlagen gibt, anhand denen man den Stoff gut nachlesen kann.
f) Lehrangebot für Sprachkurse der Sprache des Gastlandes (Crash- Kurse, Intensivkurse, etc.: Umfang und Qualität)
Ich habe außer dem kostenlosen Sprachkurs für Erasmus-Studenten keine weiteren Sprachkurse belegt, daher kann ich dazu nicht viel sagen, außer, dass es ein sehr großes Angebot an zusätzlichen Kursen gibt.
Der Kurs für Erasmus-Studenten richtet sich an alle mit einem „mittleren“ Sprachniveau. Es gibt einen kleinen Einstufungstest und wer zu gut oder zu schlecht abschneidet (wobei „zu gut“ wesentlich öfter vorkam, z.B. bei einigen, die Spanisch studieren) kann nicht teilnehmen. Für alle anderen ist es aber ein empfehlenswerter Kurs, der kostenlos ist, einen Umfang von 60h hat und für den man 6 Credits bekommt. Der Kurs ist freiwillig und weit weg vom Campus Cartuja, was die Stundenplan-Planung erschweren kann, aber ich würde trotzdem sehr empfehlen, ihn zu besuchen.
g) Umfang der notwendigen Kenntnisse der Sprache des Gastlandes zum "Überleben" der ersten Wochen
Ganz ohne Spanisch-Kenntnisse ist es meiner Meinung nach sehr schwer in Granada, weil die Spanier fast kein Englisch sprechen. Das macht die Wohnungssuche schon fast unmöglich ohne Spanisch (in der Regel muss man anrufen und dann mindestens die Adresse verstehen). Es gibt zwar auch Angebote von Agenturen, die auf Englisch sind und sich an Erasmus-Studenten richten, aber die sind mir schon relativ teuer erschienen.
Auch wer schon Spanisch-Kenntnisse hat, muss sich wahrscheinlich erst an den starken andalusischen Akzent gewöhnen (weglassen von vielen „s“ in den Wörtern und an den Wortenden). Wer noch sehr unsicher ist, sollte vielleicht vor Unistart noch einen Sprachkurs vor Ort machen.
Meine Einschreibung etc. konnte ich komplett auf Spanisch regeln, denn auch wenn man nicht viel versteht, die Leute waren alle sehr nett, hatten Geduld und haben es notfalls auch 10 Mal erklärt – also das Spanisch muss nicht perfekt sein, aber ein kleines bisschen hilft schon sehr viel weiter.
h) allgemeines Urteil über den bisherigen Aufenthalt an der Partnerhochschule als Erasmus-Student
Ich kann Granada nur allen empfehlen. So ein Auslandssemester ist eine einmalige Erfahrung, man lernt viele Studenten aus ganz Europa kennen und lernt fast „nebenbei“ die Sprache und Land und Leute kennen. Und wenn man das dann noch in Granada machen kann, hat man quasi den Hauptgewinn gezogen, weil die Stadt sehr viel bietet und die Andalusier sehr freundlich sind. Man lebt schließlich in einer Stadt, in der andere Urlaub machen und kann die ganze Zeit über die leckern Tapas und das einmalige Flair geniessen, die vielen schönen Ecken dieser durch die verschiedenen Kulturen geprägten schönen und interessanten Stadt kennen lernen und die vielen Möglichkeiten der Lage zwischen Bergen und Meer nutzen. Aber auch viele andere Orte in Andalusien sind sehr sehenswert, und in Granada ist eigentlich auch immer irgendwo was los.
Ich habe es trotz 6 Monaten Aufenthalt dort gar nicht geschafft, alles zu sehen, was ich dort sehen wollte, weil es einfach so viel gibt. Also, wenn man die Chance hat, ich würde immer wieder nach Granada gehen! Allerdings muss man auch etwas mehr Dreck und geringere Wohnqualität in Kauf nehmen, woran man sich aber irgendwie gewöhnt, bzw. letzteres fand ich weniger tragisch, da man in Spanien wegen dem besseren Wetter ohnehin viel mehr draußen oder irgendwie unterwegs ist.
Problematisch ist aus meiner Sicht, dass seitens der Uni Gießen so wenige Möglichkeiten bestehen, sich die Kurse anerkennen zu lassen. Dadurch verliert man viel Studienzeit. Auch wenn es nicht wirklich „verlorene“ Zeit ist, war es doch einer der Hauptgründe, meinen Aufenthalt hier nicht zu verlängern, was ich an sich sehr gerne gemacht hätte.
Professur für VWL - Transformations- und Integrationsökonomik
Prof. Dr. Matthias Göcke